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Nervensystem · Kreislauf · Funktion

Dysautonomie, OI und SFN

Wenn aufrecht sein zur Belastung wird.

Orthostatische Intoleranz beschreibt das Problem. POTS und orthostatische Hypotonie sind mögliche klinische Formen davon.

Dysautonomie ist der größere Rahmen: Sie kann Herzfrequenz, Blutdruck, Gefäßregulation, Schwitzen, Temperatur, Verdauung, Blase, Pupillen und weitere unwillkürliche Funktionen betreffen.

01 · Begriffe ordnen

Nicht alles ist dasselbe

Autonome Dysfunktion / Dysautonomie

Oberbegriff für Störungen des autonomen Nervensystems. Orthostatische Beschwerden sind eine mögliche Ausprägung, aber nicht die einzige.

Orthostatische Intoleranz (OI)

Beschwerden beim Aufrichten oder in aufrechter Haltung, die im Sitzen oder Liegen häufig besser werden.

POTS

Eine Form chronischer OI mit übermäßigem, anhaltendem Herzfrequenzanstieg beim Aufrichten und passenden Symptomen – ohne die für OH definierende Blutdrucksenkung.

Orthostatische Hypotonie (OH)

Eine Form der OI mit definierter Blutdrucksenkung nach dem Aufrichten.

Weitere OI-Muster

Orthostatische Beschwerden können auch bestehen, ohne dass ein einzelnes POTS- oder OH-Kriterium erfüllt ist. Dann ist das Problem nicht automatisch eingebildet; die klinische Einordnung bleibt offen.

Dysautonomie ist nicht gleich OI. OI ist nicht gleich POTS. Und eine einzelne Pulszahl ist noch keine orthostatische Geschichte.

Funktionell bedeutet hier nicht psychogen. Eine Funktionsstörung kann neurologisch, vaskulär, physiologisch oder biomechanisch bedingt und objektivierbar sein. Der Begriff beschreibt, dass eine Regulation nicht zuverlässig funktioniert – nicht, dass sie psychisch verursacht sein muss.

02 · Im Alltag

Was „orthostatisch“ praktisch bedeutet

Orthostatisch bedeutet vereinfacht: die aufrechte Körperhaltung betreffend – also Stehen oder das Aufrichten aus dem Liegen oder Sitzen.

Beim Aufrichten verlagert die Schwerkraft Blut in Beine und Bauchraum. Normalerweise passen Gefäße, Herzfrequenz und Kreislaufregulation sich an. Funktioniert diese Anpassung nicht gut, können Schwindel, Benommenheit, Schwarzwerden vor den Augen, Herzklopfen, Zittern, Schwäche, Schweißausbruch, Übelkeit, Konzentrationsprobleme oder auch eine Synkope auftreten.

Gehen kann noch funktionieren – und erst beim Stillstehen kippt die Kreislaufregulation.

Beim Gehen unterstützt die Muskelpumpe den Rückstrom des Blutes. Beim Warten an der Kasse, Kochen, Duschen oder Stillstehen fällt diese Hilfe geringer aus. Dann kann das dringende Bedürfnis entstehen, sich hinzusetzen oder hinzulegen. Nicht jede Person wird ohnmächtig.

03 · Klinische Kategorien

Grenzwerte helfen – sie sind keine biologischen Mauern

Für POTS verwenden Konsenskriterien bei Erwachsenen einen anhaltenden Herzfrequenzanstieg von mindestens 30 Schlägen pro Minute innerhalb von zehn Minuten in aufrechter Haltung; für 12- bis 19-Jährige gelten mindestens 40 Schläge. Zusätzlich braucht es passende chronische Symptome, und andere Erklärungen sowie orthostatische Hypotonie müssen berücksichtigt werden.

29 Schläge bedeuten nicht automatisch gesund und 30 plötzlich krank. Ein identischer Anstieg kann je nach Altersgrenze unterschiedlich kategorisiert werden, obwohl sich die Physiologie nicht über Nacht verändert. Der Körper kennt keinen Geburtstagsschalter.

Grenzwerte sind für Standardisierung, Versorgung und Forschung notwendig. Sie markieren aber keine perfekten biologischen Grenzen. Für OH wird üblicherweise eine anhaltende Senkung des systolischen Blutdrucks um mindestens 20 mmHg oder des diastolischen Blutdrucks um mindestens 10 mmHg innerhalb von drei Minuten verwendet.

Nicht nur

Herzfrequenz 112 oder „Puls +30“.

Sondern im Verlauf

Herzfrequenz, Blutdruck, Symptome, Zeit, Körperposition, Standdauer, Erholung, Wiederholbarkeit und Auswirkung im Alltag.

Eine Zahl, ein Winkel oder ein Grenzwert ist nicht die Störung. Er ist ein Versuch, einen Teil einer gestörten Funktion messbar zu machen.

04 · Neurologische Ebene

Small-Fiber-Neuropathie ist mehr als Schmerz

Small-Fiber-Neuropathie (SFN) betrifft kleine periphere Nervenfasern. Dazu gehören sensible und autonome Fasern; deshalb können Schmerz- und Regulationssymptome einzeln oder gemeinsam auftreten.

Sensibel

Brennen, Kribbeln, stechende oder elektrisierende Schmerzen, Berührungsempfindlichkeit, gestörte Temperaturwahrnehmung sowie Taubheits- oder Fremdheitsgefühl.

Autonom

Orthostatische Intoleranz, gestörte Gefäß- und Schweißregulation, Temperaturprobleme, gastrointestinale Dysfunktion, Blasenprobleme und weitere autonome Symptome.

SFN kann Dysautonomie verursachen oder verstärken. Dysautonomie kann jedoch auch ohne SFN entstehen. SFN ist ein möglicher Mechanismus autonomer Dysfunktion – nicht ihr Synonym.

05 · Messlogik

Was messen wir eigentlich?

Messung ist nur sinnvoll, wenn klar ist, welche Frage sie beantworten soll. Eine Diagnose benennt ein Muster. Ein Mechanismus versucht zu erklären, warum es entsteht. Beides ist nicht dasselbe.

Baseline

Ruhepuls, Blutdruck, Symptome, Schmerz, Kognition, Schlaf, Stand- und Sitzfähigkeit sowie aktuelle funktionelle Kapazität.

Reaktion

Liegend → aufrecht → Symptome → Standdauer → Hinsetzen oder Hinlegen.

Funktion

Nicht nur: Kann die Person etwas? Sondern: Wie lange, wie oft und zu welchem Preis?

Recovery

Latenz, Tiefe des Funktionsverlusts, verzögerter Peak, Dauer, Rückkehr, Rebound und mögliche Baseline-Verschiebung.

Wiederholbarkeit

Kann dieselbe Leistung später erneut erbracht werden? Eine Aufgabe einmal zu schaffen, beweist noch keine nachhaltige Funktionsfähigkeit.

Wir wollen nicht nur Zustände messen. Wir wollen Übergänge messen.

Diese Messlogik führt zur vorgeschlagenen Recovery-Perspektive FHR – Failure of Homeostatic Recovery. Sie beschreibt eine mögliche Rückkehrtrajektorie und erklärt nicht automatisch deren Ursache.

06 · Quellen

Weiterlesen in belastbaren Quellen

  1. The Ehlers-Danlos Society: DysautonomiaBegriffshierarchie, autonome Funktionen, OI, POTS und OH.
  2. Heart Rhythm Society: POTS-KonsensusKlinische Definition und altersabhängige Herzfrequenzgrenzen.
  3. Raj et al.: Diagnose und Management von POTSAktuelle konsensbasierte Einordnung und Differentialdiagnostik.
  4. Sachau & Enax-Krumova: Small-Fiber-NeuropathienNeurologischer Überblick zu sensiblen und autonomen kleinen Fasern.

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